Glück ist eine Entscheidung
Ein heißer Kaffee um 7:20 bei meiner Standard-Bäckerei nebenan... Die türkische Bäckerfrau hatte mir – wie jeden Morgen – das Heißgetränk schon zubereitet, bevor ich überhaupt richtig im Laden stand, als mich ein Podcast auf ein interessantes Paper aufmerksam machte: eine Studie von Richard Wiseman. Über zehn Jahre hat er über 400 Personen zwischen 18 und 84 Jahren untersucht. Egal ob Unternehmer, Bandarbeiter, Ärzte oder Lehrer, wirklich so gut wie alles war dabei. Sie wurden verschiedenen Übungen, Tests und Befragungen unterzogen. Besonders wichtig dabei: Ihre Selbsteinschätzung, ob sie sich als Glückspilz oder Pechvogel sehen (im Deutschen haben wir schon ziemlich schräge metaphorische Komposita für „hohe bzw. niedrige subjektive Glücksüberzeugung").
Das wohl bekannteste Experiment entstand so, dass den sich selbst als Glückspilze oder Pechvögel eingestuften Personen eine Zeitung mit der Aufgabe, alle enthaltenen Fotos zu zählen, gegeben wurde. Auf der zweiten Seite stand ein Hinweis:
Trotz dieser kaum zu übersehenden Größe reagierten die beiden Gruppen völlig unterschiedlich: Die Glückspilze bemerkten die Nachricht meist sofort und waren nach wenigen Sekunden fertig. Die Pechvögel dagegen blieben stur beim Zählen und brauchten im Schnitt rund zwei Minuten.
Und selbst als eine noch krassere Variante mit im Spiel war – den Teilnehmern winkten 250 Dollar, wenn sie dem Versuchsleiter meldeten, dass sie den Hinweis gesehen hatten – übersahen die Pechvögel die Chance, weil sie viel zu fixiert aufs weitere Fotos-Zählen waren.
Um noch mehr animalische Metaphern zu bringen, könnte man also sagen, dass der Pechvogel die Kröten nicht findet.
Aber es gab noch mehr... Personen mit mehr Glück z.B. waren nach Persönlichkeitstests deutlich offener und unternahmen teils ziemlich schräge Dinge, um mehr Abwechslung in ihr Leben zu bringen – etwa sich vor einer Party eine Farbe auszusuchen und an dem Abend nur mit Leuten zu reden, die diese Farbe tragen.
Mit diesen und anderen Methoden identifizierte Wiseman vier Faktoren, die Glückspilze von Pechvögeln unterscheiden:
- Glückliche Menschen sind gut darin, zufällige Gelegenheiten zu erkennen und zu nutzen
- Sie treffen glückliche Entscheidungen, indem sie auf ihre Intuition hören
- Sie erzeugen sich selbst erfüllende Prophezeiungen durch positive Erwartungen
- Sie haben eine resiliente Haltung, die Pech in Glück umwandelt
Aber: Ist das wirklich erlernbar?
Wisemans Position: auf jeden Fall! Dafür entwarf er zu den vier Prinzipien ein Trainingsprogramm, das die Teilnehmer unter 1:1-Betreuung durchliefen. Er erklärte ihnen die vier Kernprinzipien des Glücks und zeigte konkrete Techniken, um wie ein Glückspilz zu denken und zu handeln – etwa offener für Gelegenheiten zu sein, tägliche Routinen zu durchbrechen und mit Pech konstruktiver umzugehen (zum Beispiel, indem man sich vorstellt, wie es hätte schlimmer kommen können). Die Teilnehmer übten diese Techniken einen Monat lang eigenständig und berichteten anschließend über ihre Erfahrungen.
Das Ergebnis: 80 % der Teilnehmer waren danach glücklicher, zufriedener mit ihrem Leben und erlebten – laut eigener Einschätzung – tatsächlich mehr Glück. Sowohl vormals unglückliche Menschen wurden glücklicher, als auch die bereits glücklichen Personen steigerten ihr Glücksempfinden nochmal. Von kompletter Transformation zum Glückspilz bis hin zu neuen Partnerschaften durch „random" Begegnungen war alles dabei.
Natürlich gehen bei mir aufgrund meines Data-Science-Backgrounds sofort die Alarmglocken an! Wo ist das Forschungsdesign mit randomisierten Kontrollgruppen, wo sind die Post-hoc-gepaarten t-Tests pro Gruppe, um zu prüfen, ob sich nur die Interventionsgruppe signifikant verändert hat – und, am allerschlimmsten, wo bleiben überhaupt Signifikanzwerte im Allgemeinen?! Spaß beiseite: Die Zahlen dahinter habe ich leider nicht öffentlich gefunden.
Aber ist das bei einem Trainingsplan mit ein paar Übungen, bei dem man quasi nichts zu verlieren hat, überhaupt relevant? Wünscht sich nicht jeder von uns ein bisschen mehr glücklichen Zufall in unserer durchoptimierten Woche, in der sogar das Essen für Donnerstagnachmittag schon gemealprept ist? Auch wenn es nicht wissenschaftlich sauber ist – vielleicht hat Wiseman (wenn wir Glück hatten) tatsächlich herausgefunden, dass Glück haben eine Entscheidung ist, die uns dabei hilft, 250 Dollar in einem Zeitungsartikel zu finden. Zu meinem Casino-Hintergrund werde ich später nochmal schreiben, aber dort würde man sagen: ganz schön viel Upside für so wenig Downside. Vielleicht genau der richtige Moment, dem nachzugehen – und morgen den Kaffee mal in einer anderen Bäckerei zu holen.
Quelle: Richard Wiseman, „The Luck Factor", Skeptical Inquirer, Mai/Juni 2003.