Warum du dich freuen solltest, wenn du gerade einen Stein trägst
Ich saß im Kino, bei Christopher Nolans Odyssee-Verfilmung. Und wie eigentlich immer, wenn irgendwo griechische Mythologie auftaucht, war ich sofort dabei. Die Begeisterung ist alt: Percy Jackson war eines der ersten Bücher, die ich als Kind wirklich verschlungen habe, und was mich an den griechischen Mythen bis heute packt, sind die Heldentaten, die Resilienz, die Gerissenheit und die Weitsicht einzelner Figuren. Praktischerweise wird jede Geschichte dabei von jedem Erzähler ein bisschen anders ausgeschmückt und interpretiert … wir können also auch munter mitdichten.
Einer meiner Favoriten war schon immer Sisyphos. Im Deutschen haben wir sogar den Begriff Sisyphusaufgabe dafür etabliert – eine Arbeit, die schwer oder komplett sinnlos ist. Aber in der Geschichte steckt deutlich mehr, als der Alltagsbegriff vermuten lässt. Die wenigsten wissen zum Beispiel überhaupt, wieso Sisyphos den Stein den Berg hochschieben muss.
Sisyphos galt als weise und vor allem als talentiert darin, Götter gegen ihre eigenen Regeln auszuspielen. Gleich mehrfach überlistete er sogar den Tod, unter anderem indem er sich bewusst nicht ordentlich bestatten ließ, sodass der Totengott ihn quasi zurück auf die Erde schicken musste, um das „in Ordnung zu bringen". Ziemlich schräg eigentlich, wie leicht sich die griechischen Götter mit ihren eigenen Regeln überlisten ließen … wieso darauf nicht direkt die gesamte griechische Bevölkerung anfing, dem nachzueifern, bleibt mir ein Rätsel. So sammelte Sisyphos zu Lebzeiten einige Strafzettel bei den Göttern, und man ist sich nicht ganz einig, wofür genau er am Ende alles bestraft wurde (die Auswahl war anscheinend zu groß …). Mal heißt es, weil er Zeus an den Flussgott Asopos verriet, dessen Tochter Zeus entführt hatte, mal wegen seines Streits mit dem Totengott, mal schlicht wegen allgemeiner Hinterlist. Die Strafe jedenfalls ist eindeutig: Für die Ewigkeit muss er in der Unterwelt einen Stein einen Berg hinaufschieben und sobald der die Bergspitze fast erreicht hat, rollt er wieder hinunter … Auch wenn auf ewig so final klingt, erkannte der Philosoph Albert Camus Jahrtausende später (1942) einen Punkt, der evtl. in der Geschichte vergessen wurde. Auch wenn alle dachten, dass Sisyphos nun seine Strafe bekam, fügte er hinzu, dass Sisyphos die Götter noch ein letztes Mal getäuscht hat: Die Götter mussten zusehen, wie Sisyphos Tag für Tag, Woche für Woche den Stein den Berg hochschob und dabei immer ein Lächeln im Gesicht trug.
Camus entwickelte daraus seine Philosophie des Absurden: Der Mensch existiert in einer Welt ohne vorgegebenen Sinn und die einzige Antwort besteht NICHT darin, sich über sein Handeln zu definieren, sondern darin, das Absurde bewusst anzunehmen und trotzdem weiterzuleben und so weiter BLA BLA BLA … Aber mich beschäftigte beim Lesen vor allem eine ganz andere Frage: Wie schafft man es überhaupt, bei einer derart banalen Aufgabe zu lächeln? Man trägt die schwerste Last, quält sich bis zur Erschöpfung – und bekommt dafür buchstäblich nichts. Kein Lob, kein Fortschritt, kein Charaktergewinn. Nur Erschöpfung. Camus hat darauf tatsächlich eine Antwort: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen." Darin liegt in einer modernen, privilegierten Zeit noch mehr Luxus, da wir hin und wieder sogar Momente haben, bei denen wir uns unsere „Challenge" zumindest teilweise aussuchen können – und die uns üblicherweise sogar eine kleine Chance auf Erfolg lassen...wieso also dabei nicht Lächeln.
Diese Geschichte ist kein Absolutismus … niemals würde ich einem Kind mit Krebs sagen, es solle doch nur etwas an seiner Haltung gegenüber dem Struggle, den es verspürt, ändern und es solle doch lächeln. Wohl eher ist es genau umgekehrt, dass es Situationen gibt, welche eine Herausforderung sind, die jedoch den Sinn allein dadurch bekommen, welchen wir ihnen geben. Evtl. ist es also so, dass, wenn man einen Stein trägt, lediglich das Lächeln auf unseren Lippen über den Unterschied entscheidet, ob eine Situation uns erfüllt oder nicht.
Quelle u.a.: Albert Camus, Der Mythos von Sisyphos, 1942.